Oh Gott. Jetzt macht sie einen auf Hobbypsychologin. Keine Sorge, Bella. Ich bin noch immer genau so konsumorientiert und produktefixiert wie noch letzte Woche. Aber ich habe gestern den Regensonntag damit verbracht, Make-Up zu fotografieren, einen neuen Blogpost auf dem englischen Hey Pretty-Kanal aufzuschalten («Make-Up Storage Ideas», go have a look!) und mit meiner jüngeren Tochter, die noch für so Seich zu begeistern ist, einen Morgenlauf am See gemacht.

Und genau dort passierte es auch: Ich war so am joggen laufen OKAY MIT LILY AM REDEN, als eine total hübsche junge Frau an uns vorbeirannte. Im perfekten Läuferinnen-Outfit, Kopf-bis-Fuss Style, mit frisch geföhnter Langhaar-Frisur und… ja, Make-Up.

Am Sonntag morgen um 9, wohlbemerkt.

Und während ich durchaus ein bisschen neidisch war auf ihre schnittige Figur und aufs perfekte Workout-Styling und ihr Commitment total respektierte, war ich plötzlich erfüllt von einem totalen Glücksgefühl, dass ich das selbst nicht mehr muss.

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Du weisst schon, was ich meine: Dieses «Welt! Schaut, was ich gerade mache! Gebt mir Bestätigung!»-Gefühl, das ich selbst auch ständig hatte, als ich zwanzig war.  Und das inspiriert mich jetzt total, heute mal ganz selbstbezogen fünf Dinge aufzuzählen, die ich am älter werden wirklich toll finde.

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1. Ich habe meinen Stil gefunden

Es ist nicht immer ganz einfach, «seinen» Style zu finden, wenn man eine grosse Grösse trägt (siehe auch Punkt 4): Mit Kleidergrösse XL, respektive irgendwo zwischen 44 und 52, kann ich nicht einfach in einen Laden laufen und mir ein Outfit kaufen. Ich muss viel anprobieren, viel online shoppen und mir halt richtig Gedanken machen, was ich jetzt will und wo ich es herkriege. Doch egal, welche Grösse ich gerade trage, habe ich vor ein paar Jahren gemerkt, dass ich mir eigentlich seit meinem 18. Lebensjahr gewisse Teile immer wieder gekauft habe – unabhängig von Modetrends, die mich durchaus beeinflussen.

Doch während ich als 25-jährige bretterhart jeden Trend mitgemacht habe – egal, ob der Look überhaupt zu mir und zu meinem Körperbau passt – kann ich jetzt total entspannt Rosinen picken unter den Neuheiten. Denn die Basics, die an mir gut aussehen, habe ich erkannt, und besitze sie inzwischen in Versionen, die von der Qualität her auch ein paar Jahre halten, anstatt sie jede Saison in Billig-Version zu kaufen und zu ersetzen.

Ich werde nie der Stretchkleid-und-Heels-tragende Vamp sein. Aber ich finde, ich habe einen Style, der zu mir passt und den ich gut trage. Was sich dafür nicht geändert hat bei mir ist die Tatsache, dass ich niemals, NIEMALS in Jogginghosen und Schlabberpulli auf die Strasse gehen würde. Dafür werde ich wohl immer zu eitel sein.

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2. Ich kann mich besser behaupten

«Schüchtern» und «Steffi» in einem Satz? Da muss ich selbst LOLsen. Aber ich bin ein extrem harmoniebedürftiger Mensch, und die Tatsache, dass ich Konfrontationen möglichst aus dem Weg gehe, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Es ist mir generell wichtiger, dass man mich mag, als dass man mich respektiert; und so habe ich gerade in beruflicher Hinsicht etliche Male «dem Frieden zuliebe» nachgegeben, wenn ich eigentlich hätte auf den Tisch hauen sollen. Und bei Begegnungen mit Menschen, die ich als gescheiter oder belesener hielt, habe ich mich oft zurückgehalten, um mir keine Blösse zu geben.

Und ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin:

Ich habe gerade in den letzten paar Jahren aber gemerkt, dass es immer einfacher wird, in gewissen Belangen auf sein Recht zu pochen. Sei es, wenn ich im Tram angerempelt werde und nicht mehr reflexartig «Sorry!» sage oder wenn man mir in einem Meeting ins Wort fällt. Oder auch in meiner doch recht langjährigen Beziehung mit dem Tigerprinzen: Ich muss nicht immer die Nette, Lustige sein. Man mag mich auch, wenn ich mal anderer Meinung bin. Und das ist unheimlich befreiend!

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3. Ich kann alleine sein

Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu sein. Das geht so weit, dass ich manchmal einfach so kurz an die Bahnhofstrasse in Zürich gehe, um ein Bad im Menschenstrom zu nehmen. Und für mich ist meine Familie, aber auch mein Freundeskreis unheimlich wichtig. Das perfekte Weekend besteht absolut darin, mindestens zweimal Leute eingeladen zu haben oder selbst bei jemandem zu Besuch sein, und ein Tisch voller Freunde macht mich unglaublich glücklich.

HAVING SAID THAT, kann ich mittlerweile aber auch wirklich gut alleine etwas unternehmen: Alleine essen gehen in einem Restaurant oder alleine zu verreisen erfüllt mich nicht mehr mit einem diffusen Panikgefühl, sondern mit einer wohligen Vorfreude, mal einfach genau das machen zu können, was ich gerade will – ohne Kompromisse. Das ist möglicherweise mehr Charaktersache als eine Frage des Alterns, aber ich glaube, dass das bei mir sicher eine Rolle spielt. Und jetzt lass‘ mich in Ruhe! JUST KIDDING.

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4. Die Waage definiert nicht mehr, ob ich glücklich bin

Wenn du diesen Blog regelmässig liest – oder mich auch persönlich kennst – weisst du, dass ich alles andere als schlank bin. Und das war ich auch nie. Während meinem erwachsenen Leben habe ich von 68 kg bis 110 kg gewogen (hier habe auch über meinen Abnehm-Erfolg mit Weight Watchers geschrieben), und konnte nie einen Zusammenhang fühlen zwischen meinem Gewicht und ob ich gerade «glücklich» bin mit meinem Leben.

Je älter ich werde, desto klarer wird es mir, dass es eine unglaubliche Zeitverschwendung ist, mit seiner Figur unglücklich zu sein und zu glauben, dass alles besser wäre, wenn man 5 oder 20 Kilo leichter wäre. Und ich versuche jetzt wirklich, wirklich bewusst meinen Töchtern diese Zuversicht mit auf den Weg zu geben – damit sie sich (gerade jetzt, in der Pubertät) lieber um Dinge kümmern, die für sie prägend sind und sein werden.

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5. Ich geniesse viel bewusster

Das trifft sowohl auf das perfekte Schoggi-Truffes zu, wie auch auf Momente, in denen ich einfach mal durchatme und mir sage «Läck, isch das jetzt schön.»: Ich finde, dass es immer einfacher wird, zu geniessen. Vielleicht liegt es daran, dass in den letzten fünfzehn Jahre meines Lebens so viel passiert ist: Radiokarriere, Hochzeit, Kinder kriegen, neue Schreibkarriere starten, eine Familie «führen», krass-erfolgreiche Bloggerin werden.

Früher bin ich viel mehr einfach von Situation zu Situation gerannt, habe mir keine Zeit genommen, um bewusst und gesund zu essen oder auch mal, um bewusst abzuschalten. Es war einfach zu viel los! Und obwohl ich eigentlich noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet habe wie jetzt, schaffe ich es viel besser, kleine Augenblicke als wirklich kostbar anzuerkennen (ist das ein Wort?). Und weiss jetzt viel besser, dass diese Glücksmomente überhaupt nicht selbstverständlich sind.

Natürlich würde ich jetzt total lügen, wenn ich sagen würde, dass ich jetzt, mit ganz-frisch-43-Jahren keine solchen Momente mehr habe, in denen ich mich frage, wie ich jetzt wohl gerade von Aussen wirke. Und ich beneide 20 oder 30-jährige Kolleginnen ab und zu schon für ihr aufregendes, «was-wird-wohl-aus-mir»-Leben.

Aber ich war noch nie so zufrieden mit mir selbst, und hatte so grosse Freude an meiner Arbeit und meinem Privatleben wie jetzt. Mit Augenfältchen und Cellulite-Dellen und einzelnen (!) grauen Haaren.

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UI NEI. Das sollte jetzt nicht als grössenwahnsinnige Liebeserklärung an mich selbst herauskommen, im Fall! Aber ich werde schon ab und zu gefragt, ob es mich gerade als Bloggerin in einem Metier, in dem Jugendlichkeit hoch geachtet wird, nicht störe, älter zu werden. Und wollte einfach mal laut und deutlich sagen, dass es unheimlich viel Schönes mit sich bringt.

Und dass ich eine coole alte Lady werden will, höhö.

Jetzt gehe ich mir eine neue, straffende Vliesmaske ins Gesicht klatschen und verspreche, dass ich dir morgen wieder total normal und unschwülstig Beauty-News liefere.

Have a great Monday, Bella!

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5 Dinge, die ich am älter werden liebe: Eine Beautybloggerin packt aus!

21 KOMMENTARE

  1. Steffi, das hesch du ganz wundervoll gschriibe. Offe, ehrlich und uuf e Punggt. Häezligge Dangg do derfür! 😘👍🏻😘 Ich wünsch dir e superschöne Wuchestart. ♥️

  2. Dieser Text hat jetzt gerade echt gut getan! Nach einem Wochenende, an dem ich insgesamt ca. 6 Stunden geschlafen habe («was-wird-wohl-aus-mir»-Leben lässt grüssen) schaue ich mit Zuversicht und Vorfreude in die Zukunft! Ich wünsch der e super Wuche, liebe Gruess Lorena

  3. Liebe Steffi

    Mit voller Freude und Begeisterung lese ich (Frau, 51J) regelmässig deinen Blogg. Mit Beautyprodukten konnte ich persönlich noch nie etwas anfangen (geniesse es darüber zu lesen). Es ist der Mix, der mich begeistert, dein Potpourri und deine positive Art.
    https://youtu.be/JpMU3P4ZlBo
    Sollte dich einmal eine ältere Frau auf der Strasse ansprechen, dass wäre dann ich 😉

    Sonnige Grüsse in deine neue Woche
    Claudine

    • Wow, liebe Claudine… Danke für die lieben Worte. Und ich BESTEHE sogar darauf, dass du mich anspringst, falls du mich irgendwo siehst. Ich freue mich darauf! Ganz liebe Grüsse zrugg!

  4. Bravo, Steffi! Schon am Montagmorgen so einen Bericht zu lesen, macht nicht nur Freude, sondern gibt es einer Kraft und das Gefühl nicht allein zu sein. Gerade am Wochenende hatte ich darüber nachgedacht, wie es schön ist, nicht mehr etwas beweisen zu müssen… in 9 Tage werde ich 42! Vielen Dank!!! Schönen Tag! LG
    Fatima

  5. Ganz toller Beitrag. Obwohl ich noch nicht sooo wahnsinnig alt bin;)merke ich auch schon gewisse Vorzüge des älters werden:)

  6. Toller Beitrag, liebe Steffi, ich mag deine ernsten Seiten gerne ☺

    Ich habe altersmässig 20 Jahre Vorsprung, finde am Altwerden manches ätzend, aber die Freiheiten, die einem das Alter schenkt, geniesse ich auch.
    Beispielsweise sec Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will.
    Kann alles mögliche sein, Geburtstagseinladungen auf Berghütten mit Massenlager, beim Zügeln zu helfen, 3 Salate plus 2 Kuchen zu Grillpartys mitzubringen, an Weihnachten wie gewohnt, 25 Personen zu bewirten usw.usw.

    Ah, das tut gut und gibt viel Freiheit.
    Leicht ist es aber auch in höherem Alter noch nicht.
    Ich finde es deshalb gut, dass du auch schon jüngere Frauen ermutigst, mal unbequem zu sein und Nein zu sagen.

    P.S. Wenn du weisst, wo ich einen tollen, hochwertigen Wintermantel in grosser Grösse bekomme – immer her mit dem Tipp! ☺

    • Eva! Danke für die lieben Worte und… ui nei, bei deiner Aufzählung habe ich wirklich LAUT «nein nein NEIN» gesagt! Gell, das hat schon was Befreiendes? Ich hätte es toll gefunden, wenn ich mich eher getraut hätte, «unbequem» zu sein. Und in Sachen Wintermantel bin ich auch grad auf der Suche, im Fall. Ich hatte vor zwei Jahren Glück mit Geox (?!?), deren «normale« Grössen ziemlich gross ausfallen, und ich finde den Daunen/Wollmantel immer noch super. Worth a try?

  7. Daumen hoch, liebe Steffi, für diesen starken und inspirierenden Beitrag. Er macht zuversichtlich und gibt Mut für all die Dinge, die da kommen. 🙂

  8. Hallo Steffi, ich habe mich gefreut, Dich heute kennenzulernen 🙂
    Toller Post und ich – als sogar noch etwas älter – gebe Dir völlig Recht !!!
    Liebe Grüsse und hoffentlich bis bald
    Die andere Steffi

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